Baby Steps

Manchmal stolpert man in ein Spiel hinein, das einen nicht wegen seiner Grafik, seines Bombasts oder seiner Spieltiefe fesselt – sondern wegen seiner Unbeholfenheit. Baby Steps ist genau so ein Fall. Ein Walking Simulator – wortwörtlich. Und gleichzeitig ein Spiel über das Scheitern, das Wiederaufstehen und den stillen Triumph, wenn man endlich den nächsten Hügel erklimmt, ohne dabei auf die Nase zu fallen. Ich wusste, dass es absurd wird, aber nicht so absurd.

Ein Mann, ein Schritt

Unser Protagonist Nate ist 35, arbeitslos, mies gelaunt und irgendwo zwischen Lebenskrise und Bewegungsunfähigkeit gefangen. Statt Abenteuer oder Kampf erwartet uns hier: das Gehen lernen. Schritt für Schritt. Linker Trigger, rechter Trigger, Gleichgewicht halten, kippen, stürzen, fluchen. Und genau da packt es mich – weil Baby Steps aus etwas so Banalem wie einem Schritt eine ganze Welt voller Scheitern und Erfolg baut.

Schon nach den ersten Minuten wusste ich: Das hier ist kein klassischer „Walking Simulator“. Das ist ein Spiel, das dich auslacht, dich testet – und dich dabei heimlich erzieht. Nate selbst kommentiert seine Missgeschicke mit einer Mischung aus Zynismus und resignierter Komik. Der Humor sitzt zwischen Selbstironie und Selbsthass, irgendwo auf dem Grat zwischen „Was tue ich hier eigentlich?“ und „Oh, warte, das hat ja geklappt!“

Ganz ruhig gehen wir auf eine dünne und schmale Brücke zu unter die ein Wasserfall verläuft welcher uns geradewegs den Fortschritt der Letzten stunde ruinieren könnte.© Devolver Digital
Jetzt bloß nichts Falsch machen!

Ein steiniger Weg

Das Herzstück von Baby Steps ist die Steuerung – und ja, sie ist so sperrig, wie man es sich vorstellt. Jeder Schritt ist Arbeit. Jede Steigung eine Prüfung. Das Spiel verlangt Geduld, Konzentration und eine gute Portion Selbstbeherrschung. Wenn du zu schnell wirst, fällst du. Wenn du zu ungeduldig bist, rollst du den Hügel wieder runter. Ich ertappte mich beim Fluchen, beim Lachen und bei diesem typischen „Nur noch ein Versuch“ Gefühl, das man eigentlich von Soulslikes kennt.

Aber hier geht’s nicht um irgendwelche Gegner. Hier ist der Gegner das eigene Bein. Technisch ist das alles schlicht gehalten: Die Landschaften sind weich und unterstreichen diesen melancholischen Ton, der unter der Oberfläche liegt. Die Musik bleibt im Hintergrund, aber jedes Rascheln, jeder dumpfe Schritt wirkt fast schon meditativ.

Unser Charakter läuft stark schwankend in Richtung eines Hauses mit der Hoffnung nicht jede Sekunde wieder Hinzufallen© Devolver Digital
Nach dem harten Aufstieg endlich mal ein Safepoint.

Schmunzeln und Schlucken

Was mich besonders überrascht hat, war, wie humorvoll und emotional Baby Steps sein kann. Hinter all dem Slapstick steckt tatsächlich eine Art Sinnsuche. Nate ist nicht einfach ein Witzcharakter – er ist eine Metapher für Stillstand, für Angst, für diesen zähen Prozess, wieder in Bewegung zu kommen. Zwischen all den Stürzen und wackeligen Momenten liegt etwas menschliches, etwas ehrliches.
Ich fand mich oft grinsend, genauso oft aber auch nachdenklich wieder. Das Spiel lacht nicht nur über Nate, es lacht mit ihm – und manchmal auch mit mir.

Unser sehr Introvertierter Charakter versucht mal wieder die ganze schuld in einem witzigem Dialog auf die anderen zu schieben.© Devolver Digital
Witzige Dialoge dürfen natürlich auch nicht fehlen!

Technik, Präsentation und Performance

Auf der PS5 läuft Baby Steps stabil, die Ladezeiten sind angenehm kurz und die Steuerung präzise genug, sodass das Scheitern nie unfair wirkt. Grafisch ist das Spiel kein Hingucker, aber das will es auch nicht sein. Die pastellfarbenen Landschaften, die dezent skurrilen Charaktere und die angenehm leise Soundkulisse erzeugen ein fast schon träumerisches Gefühl. Manchmal, wenn die Kamera etwas zickt oder die Physik zu viel Eigenleben entwickelt, kann Frust aufkommen. Aber genau das gehört hier dazu. Baby Steps will dich stolpern sehen.

Fazit 7/10

Baby Steps ist ein kurioses, charmant unbeholfenes Spiel, das sich nicht scheut, langsam zu sein. Es ist zäh, frustrierend, aber auch aberwitzig – und wenn man sich darauf einlässt, erstaunlich befreiend.
Ich habe oft geflucht und noch öfter gelacht – aber am Ende hatte ich das Gefühl, wirklich etwas geschafft zu haben. Falls Du vor Rückschritten also keine Angst hast, könnte es einen Versuch wert sein, einmal in Baby Steps reinzuschauen.

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