Bye Sweet Carole

Ein Horrorspiel – aber von Disney geküsst! Das scheint die perfekte Beschreibung für Bye Sweet Carole zu sein, das am 09. Oktober 2025 für PlayStation 5, Nintendo Switch (2), Xbox Series X/S und PC erschienen ist. Das Besondere: Das Spiel ist komplett handgezeichnet – eine absolute Rarität in der heutigen Zeit! Ob der Titel neben den wunderschönen Illustrationen auch inhaltlich überzeugen kann, klären wir jetzt in meinem Testbericht!

Unheimliche Atmosphäre

Wir schreiben das 19. Jahrhundert. Im streng geführten Waisenhaus Bunny Hall folgen wir der letzten Spur unserer verschwundenen Freundin Carole Simmons. Schnell wird klar: Auf dem Anwesen geht es nicht mit rechten Dingen zu. Mysteriöse und unheimliche Erscheinungen machen uns das Leben schwer, doch unsere Protagonistin Lana Benton lässt sich nicht beirren. Sie ist überzeugt: Carole ist nicht einfach weggelaufen – hier steckt etwas viel Dunkleres dahinter.

© Little Sewing Machine / Chris Darril / Maximum Entertainment
Manches Mal wirkt alles sehr märchenhaft.

Rätselspaß und Verwandlungskunst

Wir bestreiten insgesamt zehn 2D-Kapitel, in denen wir versuchen, das Geheimnis in Bunny Hall zu lüften. Das Spielprinzip setzt auf Erkundung: Durch Interaktion mit der Umgebung sowie das Sammeln und Kombinieren wichtiger Items entstehen teils knifflige Rätsel. Erschwert wird das Vorankommen durch gruselige Zeitgenossen, die uns verfolgen, wenn sie uns entdecken. Da wir uns oft nur durch Flucht oder Verstecken retten können, ist echter Nervenkitzel garantiert!

Die Steuerung von Lana Benton bleibt dabei ziemlich intuitiv – neben Gehen, Laufen und Interagieren müssen wir keine wirklich komplexen Tastenkombinationen drauf haben.

© Little Sewing Machine / Chris Darril / Maximum Entertainment
An anderen Stellen erwartet uns der Alptraum.

Die eigentliche Besonderheit lernen wir jedoch nach kurzer Spielzeit kennen: Lana erhält eine magische Fähigkeit und kann sich in ein Kaninchen verwandeln. Durch diese „zweite Gestalt“ eröffnen sich neue Wege, denn als Kaninchen springt Lana deutlich weiter und höher und kriecht mühelos durch engste Passagen, die ihr sonst versperrt bleiben.

Leicht schwächelnde Präzision

Die Steuerung ist leider nicht immer so fein programmiert, wie man es sich wünschen würde. Das fällt besonders in den hektischen Fluchtszenen auf. Wenn man unter Zeitdruck Treppen hoch- oder runterstürmen muss, schlägt die Protagonistin manchmal den falschen Weg ein – und nicht selten rennt man dadurch wieder dem Feind in die Arme. Zum Glück bedeutet ein Fehler hier nicht direkt „Game Over“, da der Gegner euch nicht one-hittet. Aber frustrierend ist es trotzdem.

Mysteriöse Charaktere

Die Charaktere in Bye Sweet Carole tragen maßgeblich zur mysteriösen Stimmung bei. Manche von ihnen sind nur schwer zu fassen – wie die rätselhafte französische Figur Marcel, der wir immer wieder begegnen, uns aber ständig entwischt. Andere Charaktere wiederum wollen uns zu fassen kriegen – und dann steht es um Lana nicht gut. Ob es sich um die Führung des Waisenhauses oder dessen Personal handelt oder um den großen surrealen Bösewicht namens Mr. Kyn samt seiner düsteren Eule – Lana muss vor vielem auf der Hut sein.

© Little Sewing Machine / Chris Darril / Maximum Entertainment
Als süßes Häschen ergeben sich neue Gameplay-Elemente.

Glücklicherweise ist sie aber nicht ganz allein; der mysteriöse Mr. Baesie steht ihr als hilfreicher Gefährte in einigen Situationen zur Seite. Durch ihn erfahren wir auch mehr über Lanas wahre Identität: Sie ist nicht bloß ein einfaches Waisenmädchen, sondern angeblich die Prinzessin des Reiches Corolla. Da der böse Mr. Kyn seine Hände nach diesem Reich ausstreckt, jagt er Lana unerbittlich.

An diesem Punkt wird klar, dass das Spiel auf zwei Ebenen stattfindet: In der „echten“ Welt von Bunny Hall und der mystischen Welt Corolla, wobei beide Welten im Spielverlauf immer wieder ineinander verschwimmen.

Tiefgründige Story

Unsere märchenhaft düstere Geschichte spielt Anfang des 19. Jahrhunderts – einer Zeit des industriellen Umbruchs. Da ein Waisenhaus für Mädchen den zentralen Schauplatz bildet, wird man immer wieder mit dem damaligen gesellschaftlichen Frauenbild konfrontiert. Das vermittelt aus heutiger Sicht ein echt unangenehmes Gefühl, passt aber perfekt zur Atmosphäre. Das Spiel behandelt zudem Themen wie Mobbing, Verbote und Bestrafungen – aber auch Rebellion und Emanzipation. Also ziemlich deep, was ich so nicht erwartet hätte!

Um die Bindung zwischen den Charakteren zu vertiefen, streut das Spiel immer wieder Rückblenden ein, die Lanas und Caroles gemeinsame Zeit zeigen – von schönen Gesprächen bis hin zu Streitereien: Wollte Carole sie etwa im Waisenhaus zurücklassen und allein davonrennen?

Im großen Finale klärt sich schließlich auf, was wirklich mit Carole geschah und auch was es mit dem mystischen Reich Corolla auf sich hat. In welcher Verbindung stehen diese beiden Ereignisse? Werden wir Carole finden oder ist sie für immer verloren? Diese Fragen lasse ich hier bewusst offen. Aber eines sei gesagt: Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen kleinen Plot-Twist!

Märchenhafte Grafik – mit kleinen Schönheitsfehlern

Was soll ich sagen: Der Grafikstil ist etwas ganz Besonderes! Man fühlt sich vom ersten Moment an in die eigene Kindheit zurückversetzt. Nach einer wunderschön illustrierten Einführung erwachen wir in einem prächtigen Garten, der direkt aus dem Disney-Universum entsprungen sein könnte. Die liebevollen Details der Umgebung und das Charakterdesign verstärken diesen Eindruck…jaaa, wenn da nicht der düstere Filter wäre, der sich schnell über alles legt.

Bei aller Liebe zum Grafikstil kristallisieren sich jedoch auch Schwächen heraus. In Nahaufnahmen wirken Szenen, Gegenstände oder Charaktere manchmal echt pixelig und unscharf. Zudem gibt es einen bestimmten Ladescreen, der mehrfach im Spiel auftaucht (mehr verrate ich aus Spoilergründen nicht), bei dem sich das Spiel jedes Mal fast aufzuhängen scheint. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Benutzeroberfläche: Die Quest-Anzeige in der Bildschirmecke ist VIEL zu klein geraten. Zwar lässt sich im Menü alles etwas genauer nachlesen, aber auch dort ist die Schriftgröße alles andere als optimal gewählt.

Fazit: 8/10

Vornweg: Ich finde das Spiel überraschend gut!

Dass mich der Artstyle komplett gecatched hat, muss ich an dieser Stelle wohl kaum noch einmal erwähnen. Bye Sweet Carole bietet eine klasse Mischung aus verträumter, wunderschöner Nostalgie und gleichzeitigem Horror-Nervenkitzel. Trotz vereinzelter Jumpscares ist das Spiel auch für kleine Angsthasen wie mich gut geeignet – die gruseligen Szenen sind gut vertreten, werden aber nie unerträglich heftig.

Die Story ist inhaltlich ausreichend und wird schön erzählt, auch wenn man den Nebencharakteren hier und da noch ein wenig mehr Tiefe hätte verleihen können. Wie bereits erwähnt, lässt die technische Präzision manchmal zu wünschen übrig und auch die Schriftgröße ist nicht optimal gewählt. Sehr gut gefallen haben mir wiederum die Rätsel: Sie bieten eine gute Balance und sind mal knifflig, mal entspannt lösbar – genau die richtige Mischung für meinen Geschmack.

Ich hatte über zehn Stunden großen Spielspaß mit Lana Benton und kann das Abenteuerjedem wärmstens weiterempfehlen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert