The Legend of Khiimori
Es gibt Spiele, die sich ein Setting nehmen, weil es gut aussieht. Und es gibt Spiele, bei denen man spürt, dass dahinter echte Auseinandersetzung steckt. The Legend of Khiimori gehört sehr deutlich zur zweiten Kategorie.
Historischer Kontext, kulturell passende Fantasy
Wir bewegen uns durch die Mongolei des 13. Jahrhunderts, nicht als Held mit epischer Hauptquest, sondern als Kurierreiter. Lieferungen planen, Routen durch gefährliche Gebiete abwägen, korrumpierte Zonen von Geistern befreien, Ressourcen im Blick behalten – das Spiel funktioniert über Systeme, nicht über inszenierte Spektakel. Und genau das macht es so spannend.
Was sofort auffällt, ist der respektvolle Umgang mit der Kultur. Das Team hat mit Menschen aus der mongolischen Kultur zusammengearbeitet, und das merkt man besonders am Soundtrack. Die traditionell mogolische Band Khukh Mongol sowie Zolzaya Boldbaatar, Meisterin der Morin Khuur (der mongolischen Pferdekopfgeige) wurden eingebunden. Die Musik trägt die Atmosphäre auf eine Weise, die die Welt von Khiimori wahrhaft lebendig gestaltet. Im Intro ist die Musik etwas zu laut gemischt, wodurch Stimmen schwerer verständlich sind, was sich allerdings rein auf das Intro beschränkt und sich nicht durch den Rest des Spiels zieht.
© Aesir Interactive / NightinGamesDas eigentliche Herzstück sind aber die Pferde. Und hier wird es wirklich interessant. Die Physik ist beeindruckend – Gewicht, Beschleunigung, Tempo, Trägheit, alles fühlt sich nachvollziehbar an. Gerade in Pferdespielen sieht man so etwas erschreckend selten, erst recht bei einem kleineren Studio. Noch wichtiger: Die Tiere wirken lebendig. Verschiedene Pferde reagieren unterschiedlich auf Hitze und Kälte, es sind kleine Details wie Ohrenspiel sichtbar. Es sind diese Details, die dafür sorgen, dass man kein Fortbewegungsmittel reitet, sondern ein Wesen mit Eigenheit. Wenn mein Pferd in Skyrim Schaden nimmt, zucke ich mit den Schultern. In Khiimori allerdings hatte ich nicht selten ein schlechtes Gewissen, wenn mein Pferdchen mal wieder einen Abhang hinunterschlittert.
Die Zuchtmechanik greift dieses Gefühl ebenfalls gut auf. Genetik bestimmt das Potenzial der Fohlen, aber nichts entwickelt sich von selbst. Man muss trainieren, investieren, Zeit aufbringen. Die Wartezeit auf Nachwuchs ist angenehm ausbalanciert, sie fühlt sich bedeutsam an, ohne auszubremsen. Und genau dadurch entsteht eine Langzeitmotivation, es dauert einfach etwas, bis die Pferde soweit sind. Ebenfalls positiv fällt auf, dass Elterntiere nicht verwandt sein dürfen und dass man die drei bisher vorhandenen Rassen (darunter eine inzwischen ausgestorbene mongolische Pferderasse), frei untereinander kreuzen kann.
Realismus wird mitgedacht
Ein weiterer Punkt, der Khiimori deutlich von vielen anderen Open-World-Spielen abhebt, sind die Statuseffekte, nicht als oberflächliche Debuffs, sondern als Mechaniken, die echtes Mitdenken verlangen. Erschöpfung etwa sorgt dafür, dass dein Pferd deutlich schneller Ausdauer verliert. Die Lösung ist simpel, aber nicht immer bequem: ausruhen. Entweder im eigenen Dorf oder unterwegs an einem Zeltplatz, vorausgesetzt, man hat sein Zelt nicht zu Hause liegen lassen. Ähnlich verhält es sich mit Hunger und Durst. Ein hungriges oder durstiges Pferd baut spürbar schneller Ausdauer ab. Man muss es grasen lassen, mit Heu oder Reisefutter versorgen (idealerweise hat man beim letzten Halt auch wirklich eingekauft) oder an Flüssen und Seen trinken lassen. Das klingt selbstverständlich, wird aber im Spielfluss schnell relevant, wenn man lange Routen plant.
Dazu kommen Zustände, die noch stärker eingreifen. Ein verletztes Pferd verliert nicht nur schneller Ausdauer, es kann unter Umständen auch nicht mehr springen, Bandagen gehören also genauso ins Gepäck wie Pfeile. Wird es wütend, verweigert es Sprint und Sprung komplett, und man merkt sehr deutlich, dass hier kein willenloses Reittier unterwegs ist. Streicheln, Bürsten, Pflege oder sogar ein süßer Beerensaft können die Laune wieder heben. Extreme Temperaturen sind ebenfalls kein kosmetisches Detail: In kalten Gebieten nimmt das Pferd Schaden, solange man sich dort aufhält, Gleiches gilt für Hitze. Man muss das Gebiet verlassen oder mit Medikamenten gegensteuern. Und wenn eine Schlange zubeißt, wird es ernst. Vergiftung bedeutet dauerhaften Schaden, bis man ein Gegengift einsetzt (das man hoffentlich dabeihat!).
© Aesir Interactive / NightinGamesAuch die Spielwelt trägt ihren Teil dazu bei. Die Landschaften sind weitläufig, atmosphärisch und abwechslungsreich, die Biome unterscheiden sich deutlich. Khiimori schafft es, gleichzeitig ruhig und fordernd zu sein. Man kann entspannt durch die Steppe reiten, aber sobald man unvorbereitet plant oder Risiken unterschätzt, wird es spürbar anspruchsvoll. Besonders schön ist, dass immer wieder neue Aspekte auftauchen, wenn man denkt, man hätte jetzt alles gesehen. Das Spiel hält einen subtil bei der Stange.
Die verschiedenen Lieferungen sind ebenfalls ein wichtiger Faktor für die Routenplanung: Von leichten, empfindlichen Ladungen bis zu Ladungen von mehreren Kilogramm Gewicht ist alles dabei. Ist dein Pferd nicht ausbalanciert oder überladen, stolpert es oder verliert schneller an Kondition. Reitest du mit einer buddhistischen Schriftrolle zu flott durch eine Pfütze, kommentiert der Empfänger den Zustand der Lieferung und zahlt eventuell eine geringere Belohnung.
© Aesir Interactive / NightinGamesLast but not Least: Die Menschen und das Voice Acting. Ich liebe die Synchronsprecher, die Akzente und die kleinen Kommentare von Naara erinnern mich liebenswürdig an die kleinen, einseitigen Konversationen, die ich selbst beim Ausreiten mit meinem eigenen Pferd führe.
Kleine Mängel trüben kaum das Gesamtbild
Natürlich merkt man den Early-Access-Status. Der Story-Modus fehlt noch, Pferdezähmung und Falknerei sind aktuell nicht implementiert, und kleinere Bugs tauchen hier und da auf. Gerade die fehlende Mechanik zum Zähmen ist etwas, das man sich sofort wünscht, weil das Fundament dafür bereits so stark ist und einem unterwegs wirklich interessante Wildpferde begegnen. Trotzdem fühlt sich das Spiel jetzt schon erstaunlich rund an.
Der Early Access startet am 03.03.2026 auf Steam und im Epic Games Store und wird 29,99 € kosten. Das volle Release ist sowohl für den PC als auch für Konsole geplant. Noch besteht die Möglichkeit, über das Backerkit eine der physischen Steelbook-Editionen und umfangreiches Merchandise zu ergattern, sowie gleichzeitig ein wirklich tolles Entwicklerteam zu unterstützen.
Fazit: 9/10
Für Pferdefans ist The Legend of Khiimori jetzt schon ein würdiger Konkurrent zu Red Dead Online, was Reitgefühl und die Darstellung von Pferden angeht – mit dem Unterschied, dass hier das Pferd nicht Nebensache bzw Transportmittel, sondern Mittelpunkt ist. Unterm Strich bleibt für mich ein sehr starker Eindruck. Kleine technische Macken und noch fehlende Features verhindern die Perfektion, aber das Fundament ist außergewöhnlich gut.

Als typisches Kind der 90er begann Viktors Gamingleidenschaft mit der PS1 und dem N64 – die erste eigene „Konsole“ war ein lila-transparenter Gamebody Colour mit Pokémon in der gelben Edition. Von Playstation 1-4 wanderten relativ regelmäßig neue Konsolen und Spiele ins Haus, am Liebsten Titel wie Silent Hill, Haunting Ground, Final Fantasy und Kingdom Hearts, aber auch Gamecube, Wii und Switch zogen über die Jahre ein.
Erst mit dem Release der Xbox Series X wanderte er aus dem Camp Sony ab.
In den 2010ern entdecke er seine Liebe für RPG Maker-Klassiker wie Ib und The Witch’s House – denn dafür reichte der schwache Laptop noch aus. 😉 Vom ersten „großen“ Gehalt gab’s dann den ersten Gaming PC, auch wenn er heute einen entspannten Abend auf der Couch mit dem Controller in der Hand bevorzugt.
Heute faszinieren ihn die verschiedensten Titel, von „Baldur’s Gate 3“ über „Stardew Valley“, „Red Dead Redemption 2“ oder auch „Stray“. Ob Adventure, Horror, Fantasy oder Farming Sim – das Genre ist nicht wichtig, hauptsache der Spielspaß stimmt!
Wenn’s mal ein Gaming-Abend ohne PC sein soll, greift Viktor sowohl auf Pen&Paper Klassiker wie Shadowrun und DSA zurück, aber er probiert auch gerne Systeme aus, die weniger bekannt sind („One in a Million / Discworld“ oder „Wanderhome“).
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