Ys X: Proud Nordics
Es gibt Spiele, die einen mit gigantischen Open Worlds erschlagen wollen. Marker auf der Karte. Crafting-Systeme mit akademischem Abschluss. Skillbäume, die aussehen wie ein Stromnetz nach Blitzeinschlag. Und dann gibt es Ys. Eine Reihe, die seit Jahrzehnten fast trotzig ihren eigenen Kurs fährt. Schnell. Direkt. Abenteuerlustig. Wie ein alter Kompass, der zwar ein paar Kratzer hat, aber immer noch zuverlässig Richtung Horizont zeigt.
Mit Ys X: Proud Nordics liefert Falcom nun die erweiterte Version des ohnehin starken Action-RPGs ab. Neue Inhalte, zusätzliche Storyelemente, technische Verbesserungen und frische Gameplay-Systeme sollen aus dem ursprünglichen Ys X die definitive Edition machen. Und tatsächlich fühlt sich Proud Nordics weniger wie ein gewöhnliches Upgrade an, sondern eher wie eine zweite, rundere Fassung desselben Abenteuers. Eine Version, bei der die Segel noch einmal nachgespannt wurden.
Zwischen stürmischer See und nostalgischem Herzschlag
Der junge Abenteurer Adol Christin gerät während einer Seereise in den Norden des Obelia-Golfs mitten in einen Konflikt zwischen Seefahrern, Piraten und mysteriösen Untotenwesen namens Griegr. Nach einem Angriff trifft Adol auf die temperamentvolle Piratenkämpferin Karja Balta, Tochter des mächtigen Balta-Seefahrerclans. Durch ein mysteriöses Mana-Band werden beide miteinander verbunden und können fortan ihre Kräfte kombinieren.Gemeinsam reisen sie durch Inselwelten, alte Ruinen und gefährliche Meeresgebiete, um das Geheimnis der Griegr zu lüften. Dabei stoßen sie auf Relikte einer untergegangenen nordischen Zivilisation, uralte Mächte und Konflikte innerhalb der Seefahrerreiche.
© Nihon Falcom CorporationDas Kampfsystem bleibt hier das Herzstück. Adol Christin und Karja Balta kämpfen entweder getrennt oder gemeinsam im sogenannten Duo-Modus. Gerade dieser Wechsel erzeugt ein erstaunlich dynamisches Spielgefühl.Allein spielt sich Ys X schnell und aggressiv. Ausweichmanöver sitzen präzise, Angriffe haben Wucht, und Gegnergruppen zerfallen in einem Tempo, das beinahe rhythmisch wirkt. Im Duo-Modus verschiebt sich das Ganze stärker Richtung Timing und Defensive. Blocken, Kontern und gemeinsame Spezialangriffe erzeugen Kämpfe, die deutlich taktischer wirken.
Das Beeindruckende dabei: Trotz aller Effekte verliert das Spiel nie die Kontrolle.Viele moderne Action-RPGs versinken irgendwann in Effektchaos und Zahlengewitter. Ys X dagegen bleibt lesbar. Jeder Treffer fühlt sich bewusst an. Jeder Bosskampf wirkt wie ein Duell statt wie eine Schadensberechnung mit Lichtshow. Gerade auf PS5 profitiert das Spiel massiv von der stabileren Performance. Die höhere Framerate verleiht den ohnehin schnellen Kämpfen zusätzliche Präzision.
Klassisch, aber ehrlich
Die Handlung von Ys X wird keine narrative Revolution lostreten. Wer politische Intrigen auf dem Niveau epischer Fantasyromane sucht, wird hier nicht vollständig glücklich. Doch Ys X besitzt etwas anderes: Herz. Die Beziehung zwischen Adol und Karja entwickelt sich angenehm natürlich. Viele Szenen leben weniger von gigantischen Plot-Twists als von kleinen Charaktermomenten. Karja bleibt dabei klar das Highlight. Ihre direkte Art, ihre Unsicherheit hinter der rauen Fassade und ihre Entwicklung verleihen der Geschichte emotionale Bodenhaftung. Gerade dadurch wirkt Ys X oft sympathischer als viele überdramatische Genrevertreter.
© Nihon Falcom CorporationTechnisch bleibt Ys X weiterhin sichtbar unterhalb großer AAA-Produktionen. Animationen wirken gelegentlich steif, manche NPCs besitzen ungefähr die emotionale Bandbreite eines gelangweilten Fischhändlers, und einige Umgebungsdetails erinnern eher an die späte PS4-Ära. Doch die Entwickler kompensieren das mit Atmosphäre. Die Küstenregionen strahlen eine angenehme nordische Melancholie aus. Nebel liegt über dem Wasser, Schiffe knarren im Hafen, während der Wind über Felsen pfeift. Das Spiel erschafft keine fotorealistische Welt. Es erschafft eine Abenteuerwelt. Und das funktioniert erstaunlich gut.
© Nihon Falcom CorporationSo gelungen Ys X auch ist, die Existenz dieser Version sorgt zwangsläufig für Diskussionen. Besitzer des ursprünglichen Ys X könnten sich fragen, warum hier die neuen Inhalte nicht als Erweiterung veröffentlicht wurde. Das Spiel wird hier neu aufgelegt. Denn Proud Nordics fühlt sich zwar klar verbessert an, basiert aber immer noch auf demselben Fundament. Neueinsteiger erhalten hier ohne Zweifel die beste Version. Veteranen müssen dagegen selbst entscheiden, ob ihnen die zusätzlichen Inhalte den erneuten Kauf wert sind.
Fazit
Ys X: Proud Nordics ist kein technisches Prestigeprojekt. Es ist etwas deutlich Wertvolleres: Ein ehrliches Abenteuer.
Das Kampfsystem gehört zu den stärksten der gesamten Reihe, die Musik ist fantastisch, und die nordische Seefahreratmosphäre erzeugt genau dieses schwer greifbare Gefühl von Fernweh, das moderne Rollenspiele manchmal vergessen. Ja, technisch bleibt man hinter den großen Genre-Riesen zurück. Aber während andere Spiele versuchen, größer zu werden, konzentriert sich Ys darauf, unterhaltsamer zu sein.
Und genau deshalb funktioniert Proud Nordics so gut. Es erinnert daran, dass Abenteuer manchmal nicht aus gigantischen Karten entstehen. Sondern aus dem Moment, wenn ein Schiff langsam den Hafen verlässt und man plötzlich wissen will, was hinter dem nächsten Horizont wartet.
© Ys X: Proud Nordics
Positiv
- Fantastisches Kampfsystem
- Dichte Abenteueratmospähäre
- Symphatische Hauptfiguren
Negativ
- Technisch sichtbar limitiert
- Teilweise altmodische Nebenquests
- NPX-Animationen oft steif

Begonnen hat Gunter seine Gamingerfahrung mit Tetris auf dem ersten Gameboy. Im Laufe der Zeit und der verschiedenen Handhelden entwickelte sich eine Liebe für Pokèmon. Während seines Studiums kamen viele Indiegames, wie The Binding of Isaac oder Dead by Daylight dazu, die noch heute in vielen Stunden gespielt werden. Heute wird alles gezockt, von Triple A bis zum Indiegame, worauf er Lust hat.
