Gothic Remake

Gothic Remake Logo mit den vier Freunden Diego, Milten, Lester und Gorn

Bevor ich hier irgendein Wort über das Remake zum schon geradezu legendären Action-RPG „Gothic“ von 2001 verliere, sollte ich wohl kurz meinen Bezug zum Original umreißen. Ich habe tatsächlich keines der originalen Gothics selbst besessen oder gar durchgespielt. Ich habe lediglich diversen Freunden gelegentlich zugeschaut und dabei natürlich auch selbst ab und zu Hand angelegt. Obwohl ich schon so eine Ahnung hatte, was meine Freunde daran fasziniert, bin ich in meinen kurzen Sessions jedoch nie so wirklich warm mit der Reihe geworden. Umso neugieriger war ich, ob das Remake des ersten Teils das nun ein Vierteljahrhundert später vielleicht schaffen könnte. Und nun verstehe ich noch wesentlich besser, warum man die Essenz von Gothic nur so schwer über Worte transportieren kann.

Vieles beim Alten und doch so neu

Im Grunde bleibt das Remake inhaltlich sehr nah an der Vorlage. Noch immer schlüpfen wir in die Haut eines verurteilten Verbrechers, der in die Gefängniskolonie des Minentals geworfen wird. Dieses Tal ist seit einem magischen Unfall durch eine Barriere abgeschirmt, die Lebende Organismen nur rein, aber nie wieder raus lässt. Da dort aber wertvolles, magisches Erz liegt, entwickeln sich innerhalb der Barriere verschiedene soziale Strukturen und Lager, die mit der Ressource alle ihre eigenen Pläne haben.

Gespräch mit Diego am Ablageplatz© THQ Nordic
Noch immer empfängt uns Diego in der Kolonie und nimmt uns etwas unter seine Fittiche.

In diese Kolonie werden wir quasi als Niemand gesteckt. Unser Name interessiert keinen und wir erfahren ihn auch nicht. Auch unsere Vergangenheit bleibt vollends nebulös. Was fast schon aus der Zeit gefallen gilt, entpuppt sich aber schnell als bester Nährboden für echte Rollenspielstärken. Denn wie wir uns in der Welt von Gothic durchschlagen, welchem Lager wir uns anschließen und womit wir in der Hackordnung langsam aufsteigen, ist zu großen Teilen komplett uns überlassen.

Das kann vor allem Neulinge (hehe…hallo…*winkt zögerlich*) Anfangs ziemlich überfordern, da uns das Spiel nur sehr wenig erklärt. Trotzdem hat die Welt auf mich eine Faszination ausgestrahlt, die ich nur schwer beschreiben kann und mich Mal um Mal an den Rechner zurückgeholt. Sich die Eigenheiten des Spiels und überhaupt die Wege zu erschließen ist echte Arbeit, aber gibt echte Dopamin-Schübe, wenn wir etwas geschafft oder begriffen haben.

Gothic Remake Inventar© THQ Nordic
Das Inventar ist etwas fummelig und unübersichtlich, da wir endlos Gegenstände aufnehmen können.

Irgendwann kennt man die Welt und ihre Mechanismen wie einen zweiten Job und spürt quasi, wie man seinen Platz in der Kolonie findet. Veteranen des Originals sollten sich hingegen sofort zurechtfinden. Bis auf wenige Ausnahmen sind sogar Gegner an denselben Stellen platziert, wie in der Vorlage. Das auch auf Rückkehrer ein etwas anderes Spielgefühl wartet, dürfte primär an der natürlich von Grund auf überholten Präsentation liegen.

Die Welt im Gothic Remake ist hässlich und doch so schön

Denn das Gothic Remake kann sich grafisch wirklich sehen lassen. Wo technische Limitierungen de Welt des Originals noch als kantige, kahle und matschbraune Einöde zeigten, haben wir es diesmal mit einem detaillierten Tal mit klaren Bächen und grüner, dichter Vegetation zu tun. Darüber wabert die allzeit sichtbare magische Barriere. Das sieht richtig gut aus. Teils wirken die Texturen sogar geradezu absurd hoch aufgelöst. Auch die angepasste Architektur vermittelt uns wirklich das Gefühl, dass wir hier in einer atmenden, ruppigen Welt stecken, die geradeso durch behelfsmäßige soziale Strukturen zusammengehalten wird, aber sonst kurz davor ist, vor die Hunde zu gehen.

Gothic Remake Neues Lager Reisbauern im Nebel© THQ Nordic
Teils bekommen wir, durch das dynamische Wetter und die Belichtung, beeindruckende Bilder geboten. Hier Arbeiten sich die Reisbauern im Neuen Lager im Nebel ab.

Was dabei vor allem auffällt, ist die im vergleich zum Original stark erweiterte Farbpalette. Das neue Minental wirkt geradezu farbenfroh, was auch an der oftmals übertriebenen Beleuchtung liegt (die trotzdem unleugbar gut aussieht). Hier liegt für viele Veteranen der mitunter größte Kritikpunkt, da sich die Atmosphäre dadurch spürbar wandelt. Ich kann diesen Punkt verstehen, da gerade die Spiele der späten 90er und 2000er einen echten Sweetspot zwischen technischen Grenzen und kreativen Lösungen treffen mussten, der oft zu einer ganz einzigartigen Ästhetik geführt hat.

Gothic Remake Bach vor altem Lager
Gothic Remake ist farbenfroher, aber zweifellos realistischer Gestaltet als die Vorlage.

Trotzdem empfand ich die Welt des Gothic Remakes als sehr nachvollziehbar und die Atmosphäre unheimlich dicht. Eine Schattenseite ist aber, dass durch die viel dichter „bebautere“ Welt und die massive Vegetation der Weg oft noch schwieriger zu finden ist, als im Original. Da Gothic keine Minimap und sowieso nur sehr rudimentäre Karten bietet, steht man da gern mal auf dem Schlauch und verläuft sich.

Gothic Remake Lichtzauber© THQ Nordic
Dunkel bedeutet in Gothic Remake WIRKLICH dunkel. Wer nachts oder in Höhlen ohne Fackel oder Lichtzauber unterwegs ist, verläuft sich leicht.

Abseits davon treten auch auch kleinere Grafikfehler und oft hölzerne Animationen der Figuren auf, stören aber nicht wirklich. Die Mimik der Gesichter bleibt aber tatsächlich jederzeit ziemlich Steif. Dafür machen die meisten Sprecher einen wirklich guten Job.

Gothic Remake ist ein Kampf – nicht nur im Kampf

Tatsächlich kann man nicht abstreiten, dass ein bisschen „Steifheit“ durchaus das Spielgefühl des alten Gothic ein bisschen am Leben hält. Das überträgt sich auch aufs Kampfsystem. Zu Beginn können wir noch nicht einmal richtig mit Waffen umgehen. Kombos, blocken und Ausweichen müssen wir erst durch Levelaufstiege von anderen Insassen lernen. Aber auch voll ausgebildet ist die Steuerung – vor allem im Kampf – immer noch etwas störrisch und träge. Das ist teils auch beim freien Bewegen der Fall (etwa beim Leitern benutzen), fällt dort aber nicht so stark ins Gewicht. Ich persönlich empfehle übrigens die Controller-Steuerung, die sich wesentlich griffiger und komfortabler spielt. Außer beim Bogenschießen, da ist sie leider ziemlich schwammig. Es ist aber auch kein Problem, nahtlos zu Maus und Tastatur zu greifen und wieder zurückzuwechseln.

Gothic Remake Kampf gegen Minecrawler© THQ Nordic
Vor allem in engen Gängen oder gegen mehrere Gegner werden Kämpfe schnell hakelig und unübersichtlich.

Dennoch habe ich mich gerade zu Beginn häufiger mit der Steuerung verhaspelt, als mir lieb ist. Im unspektakulärsten Fall habe ich dann einfach nur von den gnadenlosen Gegnern langen Hafer bekommen. Teils habe ich aber auch mehr als einmal versehentlich einem NPC eine gelangt und die Konsequenzen unmittelbar zu spüren bekommen. Nach wie vor sollte man auch im Gothic Remake gefühlt minütlich die Schnellspeichertaste spammen! Der Tod lauert hinter jeder Ecke, in jeder Hütte und in jedem Bettchen, in das man sich versehentlich gelegt hat, weil man sein eigenes nicht findet. Auch den ein oder anderen Gamebreaker-Bug oder Absturz musste ich während meiner kompletten Reise hinnehmen.

Das kann extrem frustrieren, weil das Gothic Remake eigentlich eine ziemlich stimmige Welt simuliert, in seinen eigenen Regeln aber auch manchmal ziemlich unkonsequent ist. Das dürfte aber durchaus auch ein Überbleibsel aus dem Original sein. Trotzdem kommen am Ende aber auch meist gute Geschichten dabei heraus. Am besten Spielt man Gothic wohl deshalb im Tandem mit Freunden, um sich hinterher über die verschiedenen Spielweisen auszutauschen. Ich empfehle an dieser Stelle (keine bezahlte Werbung!) die grandiosen Gothic Diaries von Geraldine Hohmann und Andre Peschke bei The Pod.

Gothic Remake Flucht vor mehreren NPCs© THQ Nordic
Ob gewollt oder ungewollt hatte ich so manches mal das halbe alte Lager am Hacken. Aber auch extrem ulkige Situationen können durch kleine Macken in der Simulation entstehen.

Gelegentlich wird es aber auch schlichtweg unfair. Ich wäre etwa gerne dem Neuen Lager beigetreten, konnte das aber nicht, da ich dafür eine Quest im Alten Lager auf eine bestimmte Weise hätte lösen (oder gewissermaßen NICHT lösen) müssen. Das konnte ich aber zum damaligen Zeitpunkt aber noch nicht wissen, da ich im Neuen Lager noch nicht gewesen bin. So hatte ich schlichtweg keine Chance, dem Neuen Lager beizutreten. Das schlimmste war jedoch, dass mir das kein NPC überhaupt sagen wollte. Hätte ich das Problem nicht irgendwann verzweifelt gegoogelt, würde ich noch heute völlig entnervt durchs Neue Lager rennen. Das ist einfach schlechtes Spieldesign, kommt aber zum Glück in diesem Ausmaß kein zweites Mal vor.

  • Gothic Remake Hänno schenkt einen Bogen© THQ Nordic/Alkimia
  • Gothic Remake In Extremo auf Bühne© THQ Nordic/Alkimia

Erzähl mir die Geschichte

Abgeschwächt wird die Brisanz dieser Sackgasse auch dadurch, dass die Wahl des Lagers im Grunde spätestens ab dem dritten von sechs Kapiteln (die mit Abstand meiste Zeit kostet jedoch das erste Kapitel) obsolet wird. Das ist natürlich dem Story-Verlauf geschuldet, der schon ab dem zweiten Kapitel wesentlich linearer wird, als es der Auftakt suggeriert. Zwar können wir nach wie vor die Welt frei erkunden und schon von Minute eins an überall hin, trotzdem erzählt Gothic seine Geschichte nach wie vor recht stringent.

Im Remake wurden dazu einige Hauptquests und Situationen leicht angepasst oder ergänzt, um Logiklöcher zu füllen oder einfach etwas mehr Fokus auf die Erzählung und Dramaturgie zu legen. Das ist zwar auch nicht so spektakulär, wie bei mancher zeitgenössischem Konkurrenz, aber trotzdem eine gute Entscheidung. Die Geschichte gewinnt zwar auch im Gothic Remake keinen Pulitzer Preis, hält aber bei der Stange. Zudem lebt Gothic eben viel mehr von seinen vielen, erinnerungswürdigen Charakteren und der Atmosphäre im Minental.

Gothic Remake Cor Calom© THQ Nordic
Sektenvizeführer Cor Calom ist auch im wundersamen Sumpflager eine dubiose Gestalt.

Denn in Gothic wird auf viele Genrekonventionen gepfiffen. Dialoge sind angenehm knackig, fast jeder kommt immer direkt zum Punkt. Wir sind kein klassischer Held und in einer Welt voller Verbrecher auch an keine moralischen Fesseln gebunden. Wie wir mit anderen Charakteren interagieren ist großteils komplett frei, zahlreiche NPCs können sterben, ohne dass es Plotstopper gäbe. Mit den Konsequenzen müssen wir dann trotzdem leben. Auch verpasste Quests oder Waffen gehören dazu. Das kann aber auch dazu führen, dass man sich mit dem Storyverlauf ein bisschen ins Gehege kommt und die Balance ein bisschen leidet. Etwa, wenn wir einem NPC „zufällig“ eine sehr starke Waffe klauen.

Fazit

Gothic Remake ist ein Spiel, wie man es heutzutage nur selten findet: Es ist sperrig, schon auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad ordentlich schwer, teils geradezu unfair und lässt einen stundenlang im Leerlauf durch die Welt rennen (trotz neuem Reittier). Dazu kommen eine manchmal frustrierende Steuerung und freche Sackgassen bei Quests. Aber es bietet auch eine sehr detaillierte, hübsche Welt, die überwiegend erstaunlich authentisch auf uns reagiert, eine Atmosphäre zum schneiden und ein berauschendes Gefühl bei kleinsten Erfolgen.

Gothic belohnt die Neugierigen und Experimentierfreudigen, wer sich zu sehr hetzt und nicht auf die Spielwelt einlassen kann, wird mit dem Spiel nur wenig Freude haben. Und dann ist da noch dieser X-Faktor, den man einfach schwer fassen kann. Viele schreiben ihn dem „Ruhrpott Charme“ des Spiels zu, aber ich finde ihn eher in dem ungewöhnlichen Setting und der Tatsache, dass ich immer wieder mit einer guten Geschichte aus dem Spiel zurückkehre, selbst wenn ich nur von meinem grandiosen Scheitern berichten kann.

Kein anderes Spiel hat mich je dazu gebracht, nur aufgrund einer kleinen aktualisierten Nachricht im Glossar ohne Schuldgefühle ein komplettes Lager zu massakrieren (haben sie verdient, würde ich jederzeit wieder tun). Dass das in Gothic überhaupt möglich ist, ohne dass ich mir den Fortschritt verbaue, ist schon eine Wucht, wenn man bedenkt, dass hier das Gerüst eines Spiels von 2001 drin steckt.

Gothic Remake ist sicher kein Spiel für jeden, doch ich bin schon gespannt auf das Remake von Teil 2, dass ich mir gerne wieder vorknöpfen werde! Denn man merkt, dass in diesem Projekt eine Menge Herz von Fans für Fans drinsteckt.

© THQ Nordic/Alkimia
Test

Positiv

  • überwiegend sehr authentische Welt
  • Atmosphäre-Monster
  • viele Freiheiten
  • meist schöne Optik

Negativ

  • Systeme haben ihre Macken
  • Steuerung vor allem im Kampf hakelig
  • Spielerführung manchmal frustrierend bis unfair
  • ätzend lange Laufwege
7 / 10
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