007 First Light
Als das James Bond Franchise Mitte der 2000er mit Daniel Craig einen kompletten Neustart verschrieben bekam und uns in Casino Royale einen jungen James Bond präsentieren wollte, der sich seinen 00-Status erst verdienen muss, war ich persönlich extrem gespannt. Umso ernüchterter saß ich dann im Kino, als sich die Sache mit der Doppelnull dann schon vor dem Intro erledigt hatte. Dass Casino Royale für mich trotzdem einer der besten Bond-Streifen ist, tut da erstmal nichts zur Sache.
Dafür löst 007 First Light das ursprüngliche Versprechen jetzt in Spielform ein und lässt uns in einem erneuten Reboot erleben, wie ein junger James Bond vom MI6 rekrutiert wird, seine Ausbildung durchläuft und schließlich als 007 in den Dienst der Krone eintritt. Ob das Spiel so ins Schwarze trifft, wie Bond in seiner klassischen Pistolenlauf-Einstellung, verrate ich Euch in meinem Test.
From zero to… double zero
Wir spielen einen WIRKLICH jungen James Bond, der als einziger Überlebender einer Militäreinheit auf Island abstürzt und dort durch Zufall in ein Geiseldrama hineingezogen wird, in das auch der MI6 verwickelt ist. Kurzerhand wird er von Moneypenny unter ihre Operator-Fittiche genommen und stellt sich als überraschend fähig und vor allem loyal zum Vaterland heraus. Darum wird Bond nach (halbwegs) erfolgreicher Mission, trotz seines Hangs zur Befehlsverweigerung, als Rekrut ins frisch wiederbelebte 00-Programm aufgenommen.
Die Handlung ist in unserer Gegenwart bzw. nahen Zukunft verankert und widmet sich neben Bonds Ausbildung auch zeitgenössischen Themen wie K.I. Die Figuren werden Teils neu interpretiert. So ist Moneypenny wie schon in den Craig-Filmen keine bloße Schreibtischfee mehr, sondern agiert sogar regelmäßig als Operator in unserem Ohr. Wir bekommen eine neue M als Leitung des MI6 präsentiert und auch Bonds Rekrutenkollegen verhalten sich wie heutige Anfang-20er. Da ist Erfinder Q mit seinem riesigen Q-Lab und massenhaft Agenten-Gadgets noch das klassischste Bild, was wir zu sehen bekommen.
© IO InteractiveEinmal Bond-Essenz bitte, geschüttelt, nicht gerührt
Das Geschehen ist vor allem in den Zwischensequenzen aber auch während des Gameplays sehr cineastisch inszeniert und im Grunde haben wir es, ähnlich wie bei Indiana Jones und der große Kreis, mit einem James Bond Film zum selber spielen zu tun. Einem wirklich guten sogar, wie ich finde. Wilde Agenten-Action, trockener Humor, eine Femme Fatale, bei der man nie weiß, woran man ist, Drama und sogar ein echter Schreckmoment sind im Skript gelandet.
Auch wenn der bekannteste Geheimagent der Welt einen durchaus ungewohnten Anstrich bekommt, trieft das Spiel vor Anspielungen und Verweisen auf bisherige Werke („Machen Sie ne Stunde draus…“) und weiß die Bond-Essenz gekonnt einzufangen. Zudem bekommen wir den wohl bisher tiefsten Einblick in die Funktionsweise des MI6 als Organisation.
© IO InteractiveIst 007 First Light ein Hitman im James-Bond-Gewand?
007 First Light wurde vom Studio IO Interactive entwickelt, das sich bereits mit den Hitman-Spielen eine starke Reputation aufgebaut hat. Tatsächlich finden sich die freien, sandkastenartigen Gameplay-Mechaniken aus Hitman auch im neuen Bond-Spiel wieder. Allerdings ist in 007 First Light alles ein ganzes Stück reduzierter und auf die stringente Inszenierung ausgerichtet. Im Grunde läuft das Gameplay nach einem relativ festen Schema ab:
Infiltration
Wir infiltrieren zunächst möglichst unauffällig ein mal mehr, mal weniger weitläufiges Gebiet und müssen eine Zielperson finden oder einen bestimmten Raum erreichen. Dabei haben wir immer mehrere Möglichkeiten, unser Ziel zu erreichen. Wir können etwa die Umgebung zu unserem Vorteil nutzen, oder Gebrauch von unseren Agenten-Gadgets machen. Ganz so ausgeklügelt wie in Hitman ist das System dahinter jedoch nicht, sodass wir uns im Grunde immer für einen von vielen fixen Wegen entscheiden und den dann durchziehen müssen. Außerdem stößt das Spiel uns eigentlich immer ziemlich deutlich auf die verschiedenen Optionen. Spaß macht das Ganze trotzdem und bringt das Undercover-Agentenfeeling einfach cool rüber.
© IO InteractiveKämpfe und Schießereien
Ob vorgesehen oder nicht, macht der Grünschnabel-Bond gelegentlich Fehler und dann müssen die Fäuste fliegen oder die Flucht angetreten werden. Dann wird das Gameplay deutlich actionreicher und kann sogar zu einer Schießerei ausarten. Allerdings erst, wenn Gegner aktiv versuchen uns umzubringen! Vorher hat Bond als 00-Rekrut noch keine Lizenz zum Töten. Ist die Situation geklärt, geht das Geschehen meist wieder nahtlos in Infiltration über.
© IO InteractiveActionsequenzen
Gegen Ende eines Levels wird der Ablauf meist deutlich linearer und wir kämpfen, schleichen, klettern und schießen uns einen festen Pfad entlang, der in einer größeren Schießerei oder gar einem Bosskampf gipfelt. Gelegentlich dürfen wir uns auch ans Steuer verschiedener Fahrzeuge setzen und das Pedal durchdrücken.
Durch seinen Fokus auf Inszenierung ist First Light also eher ein „Hitman light“, die Actionpassagen hingegen lassen sich eher mit der Uncharted-Reihe vergleichen. Zudem ist hier alles recht fehlerverzeihend. Werden wir erwischt, können wir fast immer um unser Leben kämpfen, anstatt auf einen Game-Over-Bildschirm zu schauen. Das heißt aber nicht, dass die Schießereien und Kämpfe nicht anspruchsvoll sein können.
Gute Action, schlechte Action
Das Kampfsystem von 007 First Light gehört zum Besten, was die letzten Jahre auf den Markt gekommen ist. Grob wird sich am Free-Flow-System der Batman Arkham Spiele oder auch aus Insomniacs Spider-Man Spielen orientiert. Sprich: Gegner zeigen verschiedene Angriffe an, denen wir entweder ausweichen müssen, sie blocken oder direkt kontern. Dazu kann Bond seine Gegner schlagen, entwaffnen und sogar werfen. Da gibt’s für jede Situation das passende Manöver. Alles top animiert, sodass die Prügeleien wirklich aussehen, wie in einem Film.
© IO InteractiveAuch die Schießereien spielen sich fluffig. Das Waffenhandling ist recht großzügig und wir verteilen zügig Kopfschüsse oder können Gegnern auch die Waffen aus der Hand schießen. Selten werden die Scharmützel aber auch etwas wild und unübersichtlich. Das ist ärgerlich, da Bond bei Treffern recht schnell ins Gras beißt. Dann müssen wir Fokuspunkte einsetzen, um das Geschehen kurz zu verlangsamen. Dieselben Punkte können wir übrigens auch beim Infiltrieren nutzen, um uns rauszureden, wenn wir erwischt werden, oder uns irgendwo einschleichen wollen. Ein wirklich cooles und authentisches Feature, auch wenn die Dialoge teils ziemlich dämlich sind.
Außerdem können wir sowohl zur Infiltration als auch beim Kämpfen unsere zahlreichen Gadgets von Q einsetzen. Die Palette deckt vom Rauchgranaten-Feuerzeug über den Kotz-Pfeil aus der Uhr bis hin zum Raketenwerfer-Kugelschreiber so ziemlich alles ab. Je nach Gadget benötigen wir verschiedene Ressourcen, um sie verwenden zu können. Diese sind in den Levels aber mehr als großzügig verteilt, sodass die Gadgets fast schon ein bisschen zu mächtig daherkommen. Dem Spielspaß tut’s trotzdem keinen Abbruch.
© IO InteractiveWie steuert sich das?
Leider zickt die Steuerung vor allem in den Kämpfen, aber auch sonst gelegentlich ein bisschen rum. Durch die vielen kontextsensitiven Aktionen passiert gern mal eine ungewollte oder wir stehen für einen Move einen Ticken zu weit weg vom Ziel und schon funktioniert gefühlt nichts mehr. Da hätte IO im Sinne des Spielflusses gerne etwas großzügiger sein dürfen. Vor allem aber fängt die Kamera gerade in engen Räumen die Kämpfe selten optimal ein.
Da kommen Gegner quasi direkt mit einem Angriff von vorne ins Bild, ohne dass wir das kommen sehen können. Zwar kann man jederzeit nachjustieren, das ist in dem Tempo aber selten möglich. Ein bisschen weiter Rausschwenken hätte da Wunder gewirkt. Schaut Euch dazu am besten folgenden kurzen Clip an:
Technik, die uns übers Ohr haut
007 First Light sieht dabei in Teilen wirklich überragend aus. Das liegt aber nicht an der Grafik per se. Die ist nach heutigen Standards solide, aber auch nicht mehr. Zudem schleichen sich gelegentlich heftige Clipping-Fehler ins Bild, oder NPCs zucken wegen fehlerhafter Physik wild durch die Gegend. Auch manche Modelle oder Texturen sind wirklich zum Davonlaufen. Das Bonds Abenteuer trotzdem eine echte Augenweide sein können, liegt vielmehr an zwei anderen Faktoren:
- Die Umgebungen und Level sind einfach extrem stimmig designt. Ob wir eine Gangsterstadt in einem riesigen verlassenen Öltanker oder ein Luxusresort im Ozean vor Vietnam besuchen: alles hat Postkartenflair und sieht einfach schick und detailliert gebaut aus.
- Die responsiven Kämpfe. Bond und seine Gegner verhalten sich je nach Situation meistens einfach ziemlich authentisch. Werfen wir einen Gegner in Richtung eines Tisches, klatscht er realistisch dagegen und knickt ein oder fliegt gleich ganz drüber. Dreschen wir auf einen Gegner nahe einer Wand ein, packt Bond auch mal seinen Schädel und knallt das feindliche Gesicht dagegen.
Dazu reagiert auch die Umgebung physikalisch einwandfrei. Prallen wir oder Gegner gegen einen Tisch, fallen die Gegenstände darauf herunter. Hämmern wir einen Feind in eine Vitrine, bricht das Glas und alles was drin ist. Das mutet in Bewegung unheimlich realistisch und hypnotisierend an und nicht selten sieht ein Raum nach einem Kampf eben auch nach dem Schlachtfeld aus, zu dem er geworden ist.
© IO InteractiveSound und Grafikmodi
Auch die Vertonung und das Schauspiel sind über jeden Zweifel erhaben. Schade ist allerdings, dass es keine deutsche Sprachausgabe gibt. Bei dem ganzen britischen Agentenkauderwelsch ist es oftmals leider unerlässlich, die Untertitel zu lesen (und mein Englisch ist nicht das schlechteste). In hektischen Situationen kriegt man dann von der Szene nicht mehr alles mit. Nichts zu bemängeln gibt’s hingegen beim Sound – alle Stücke sind treffsicher und die Soundeffekte knallen. Sogar einen eigenen Intro-Song samt stylischem Video hat 007 First Light spendiert bekommen, interpretiert von Lana del Rey.
Auf der PS5 bietet das Agentenabenteuer verschiedene Grafikmodi. Obwohl ich meistens eher zum Balance- bzw. Performance-Modus tendiere, empfehle ich für 007 First Light klar den Qualitätsmodus. Er profitiert von besserer Auflösung und schöneren Lichteffekten. Da eh alles sehr filmisch dargestellt ist, fällt die Beschränkung auf 30FPS kaum ins Gewicht und lässt sich sehr gut verschmerzen.
Was sich aber weniger ignorieren lässt: Während meiner Spielzeit hatte ich auf meiner Basis PS5 immer wieder mit Abstürzen zu kämpfen. Dank fairer Speicherpunkte war das zwar kein absoluter Dealbreaker, aber dennoch nervig. Gerade auf Konsolen wünsche ich mir eine zumindest absturzfreie Erfahrung.
Wie lange dauert 007 First Light?
Die Spielzeit des neuen Bond-Spiels ist tatsächlich ziemlich ordentlich! Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad hat Bond nach etwa 16-18 Stunden seine Pflicht erfüllt. Doch wer nicht genug vom britischen Agenten bekommt, kann sich nach dem Abspann den vielen Herausforderungen widmen, die das Spiel stellt. Jedes Kapitel lässt sich einzeln anwählen und soll dann unter bestimmten Bedingungen absolviert werden. Auch die Suche nach den alternativen Lösungswegen macht durchaus Spaß.
Wer hauptsächlich für die Action da ist, kann sich im TacSim-Modus austoben, der im Verlauf der Story freigeschaltet wird. Dort müssen wir uns durch verschiedene Action-Passagen oder Kämpfe arbeiten und ebenfalls verschiedene Vorgaben erfüllen. DLCs mit Fahrzeug-Missionen sind bereits angekündigt. Schade finde ich persönlich, dass diese Missionen auch als eine Art erweitertes Tutorial funktionieren, was vom Spiel aber nie so richtig deutlich kommuniziert wird.
© IO InteractiveIch habe mich dem TacSim-Modus erst nach der Story gewidmet, hätte viele der dort erklärten Manöver aber gerne schon während der Hauptmission gekannt. Mir unbegreiflich, warum sich IO so entschieden hat, da coole Aspekte des Kampfsystems quasi auf dem Abstellgleis landen.
Fazit
Ich bin von 007 First Light wirklich positiv überrascht. IO Interactive zeigt einen modernen James Bond, ohne die Kernelemente des Stoffes zu verfälschen. Seine Trainee-Ära bietet dazu quasi die perfekte Kulisse um als Spieler mit ihm zu wachsen. Alles verpackt in eine in jeder Hinsicht filmreife Agenten-Operette. Dazu gehört vor allem auch das cool animierte und spaßige Kampfsystem, das sich so nahtlos in die typischen Agentenaufgaben mischt, das ein super Spielfluss zustande kommt. Daran ändert auch gelegentlicher Schluckauf bei der Steuerung nichts.
First Light sieht dazu, vor allem in Bewegung, wirklich ordentlich aus und weiß mit einem hochwertigen Cast sogar an manchen Stellen zu überraschen. Trotzdem muss ich dem Spiel so manche technische Schwäche ankreiden. Auch der fragwürdige Umgang mit dem TacSim-Modus und das Balancing der Gadgets und Kämpfe haben Verbesserungspotential. Trotzdem kann ich 007 First Light bedenkenlos jedem empfehlen, der nach einem packenden Actionspiel sucht. 007 Fans greifen sowieso zu.

Positiv
- packende Story
- klasse animierte Kämpfe
- nimmt das Beste aus der Hitman-Formel, ohne Neulinge zu überfordern
- Bond-Essenz wird super eingefangen
Negativ
- technische Patzer
- Balancing könnte besser sein
- Steuerung zickt in Kämpfen ab und zu

Spielte Videospiele, noch bevor er Fahrrad fahren konnte. Hat als einer der letzten Zivis den Gedanken an ein Medizinstudium verworfen und stattdessen „irgendwas mit Medien“ studiert. Über das Campus-TV führte sein Weg als (Video-) Redakteur in die Welt des Fernsehens und Esports, bevor er sich anderen Themen widmete. Weil es ihm aber bei Gaming und anderer medialer Unterhaltungskunst immer noch 24/7 in den Fingern juckt, gibt es jetzt, wann immer es die Freizeit zulässt, Reviews und Previews von ihm.
